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rochuswolff.de
[i:rrhoblog]
martin walser verläßt suhrkamp. das ist den beobachterinnen der literaturszene jetzt kaum ein zucken der augenbrauen wert, eher war es lange schon erwartet wurden. man passte ja nicht mehr so recht zueinander, nach dem ableben des herrn unseld. usw.
bemerkenswert ist da schon eher, und da hat die süddeutsche heute einen kleinen scoop gelandet, daß er alle seine bücher mitnimmt:
wie die süddeutsche zeitung erfuhr, hatte walser im jahre 1997 mit unseld eine regelung getroffen, wonach er die rechte an seinem gesamtwerk zurückfordern kann, sobald unseld nicht mehr geschäftsführer des verlages ist. eine solche regelung ist beispiellos. während sich ein verlagswechsel sonst in erster linie auf die künftigen bücher eines autors bezieht, kann walser nun auch alle bisher erschienenen werke von suhrkamp zu rowohlt transferieren. es wirft dies ein merkwürdiges licht auch auf den verleger unseld, der ohne not eine entscheidung fällte, die suhrkamp in der nach-unseld-zeit erwartbar in der substanz treffen musste.
fürwahr. man muß ja m. walser nicht besonders mögen (und seine texte auch nicht), um zu sehen, daß seine bücher doch immer noch ordentlich gekauft wurden - was bei suhrkamp ja nicht unbedingt auf alle autorinnen zutrifft. nunja. man kann spekulieren, daß unseld und walser ein szenario vorhersahen, in dem walser sich bei suhrkamp nicht mehr "zu hause" fühlen könnte, und deshalb quasi freundschaftlich eine solche regelung sich erdachten.
der "offene brief von martin walser über seinen abschied vom suhrkamp-verlag", den spiegel online jetzt veröffentlicht hat, gibt darüber keine auskunft, wenn er auch (wohl nur zum teil) beschreibt, warum er suhrkamp verläßt:
ich bin dreimal ins blitzlicht einer zeitgeistfraktion geraten, die sich auf die aufklärung beruft und nach autorität trachtet. zum ersten mal 1995 [...], dann 1998 [...], und 2002 ("tod eines kritikers"). beim dritten mal wurde von außen, unter verletzung geltender regeln, ein skandal angezettelt, und ich wurde zeuge, wie die verlagsleitung vor dieser autorität in die knie ging. siegfried unseld wäre nicht in die knie gegangen.
natürlich sieht sich walser also als verfolgter, den der verlag verlassen hat. auch das ist nicht neu, und da hat er sich nicht geändert, aus der schmollecke ist er nie so recht herausgekommen. "sie alle wissen, dass die so genannte suhrkamp-kultur [...] immer auch die kultur einer bestimmten denk- und verhaltenstugend" war - und die, so bedeutet das, ohne recht ausgesprochen zu sein, sei unter ulla berkéwicz eben nicht mehr vorhanden.
das eigentlich traurige daran ist, daß walser wiederum, ganz literat, um den heißen brei herumstreicht, anstatt mal tacheles zu reden. schon bei seiner rede in der paulskirche mußte man ja geradezu mit linguistischem handwerkszeug hantieren, nur um dann nachher feststellen zu können, daß er wirklich ungeheuerliches gesagt hatte - und bis heute glaubt er's selber nicht.
auf die antwortversuche des feuilletons darauf, warum unseld nun seinem (und sehr seinem!) verlag so schadete, die darf man jetzt fröhlich erwarten. es beginnt, mit sicherheit, morgen früh die frankfurter sonntagszeitung. auf in die schlacht am blätterwald!
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© 2004 Rochus Wolff
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